Hintergrund und Ansatzpunkte des KVPP-Projektes

 

 
Ausbildungsforschung
KVPP
Weitere Forschung

Folgende Überlegungen liegen dem Projekt zugrunde: Handwerksmeister sind in
erster Linie an der Erfüllung handwerklich-technischer Kundenaufträge interessiert.
Ihr Selbstverständnis ist oftmals das eines „technischen Problemlösers“. Sie benötigen
vor allem Fachpersonal zur Erledigung vielfältiger (komplexer und weniger komplexer)
Aufgaben. Handwerklich- technische Qualifikationen werden in erster Linie von den
Gesellen verlangt.

Es wird hier die These vertreten, dass trotz ihrer Vorbereitung auf die Meisterprüfung
Handwerksmeister kaum spezifische Kenntnisse und Informationen (Hintergrundwissen)
in Bezug auf die Ausbildung von Jugendlichen mit schlechten Startchancen besitzen.
Die erworbenen berufs- und arbeitspädagogischen Kenntnisse reichen zur
Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen, unter welchen Bedingungen und mit
welcher Unterstützung eine Ausbildung von solchen Jugendlichen Sinn macht, nicht
bzw. kaum aus.

Derzeit sind Handwerksbetriebe ähnlich schlechten Rahmenbedingungen unterworfen
wie andere kleine und mittlere Betriebe der deutschen Wirtschaft auch. Die Abgaben-
bzw. Lohnkostenhöhe, die Auftragslage, die Zahlungsmoral der Kunden und die
Vorschriftenflut wird seit geraumer Zeit als sehr belastend wahrgenommen. Zudem
fehlen qualifizierte Fachkräfte (Gesellen).

Einen Unterschied zu anderen Unternehmen mit einer geringen Beschäftigtenanzahl
kann man aber gerade im Handwerk vorfinden. Das Handwerk ist mit Abstand nicht
nur der größte Ausbildungsbereich, sondern auch der Bereich, in dem die meisten
Auszubildenden mit schlechten Startchancen zu finden sind. Höher- und
hochqualifizierte Jugendliche suchen sich oftmals Berufsausbildungen in der Industrie,
im Dienstleistungsbereich und in öffentlichen Verwaltungen, sofern sie kein (Fach-)
Hochschulstudium anstreben.

Dadurch steigt die Anzahl der Jugendlichen, die mit einem mehr oder weniger guten
Hauptschulabschluss oder oft auch ohne diesen für den Arbeitsmarkt im Handwerk
zur Verfügung stehen. Betriebe klagen in dem Zusammenhang auch darüber, dass
die Schulnoten bzw. die Abschlüsse nicht genug Informationen zur tatsächlichen
Ausbildungsbefähigung eines jungen Menschen liefern. Auch der bestandene
Hauptschulabschluss ist für viele Betriebe keine "Garantie" (mehr), einen
möglicherweise geeigneten Bewerber für einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Wenn Betriebe im Handwerk ausbilden, müssen sie sich unter Umständen auch mit
den Jugendlichen "gezwungenermaßen zufrieden geben", die sich überhaupt noch
für eine Ausbildung "interessieren".

Nicht nur wegen der Vielzahl von (zunächst) wenig geeigneten Bewerbern für
einen handwerklichen Ausbildungsplatz, ist die Abbrecherquote im Handwerk seit
Jahren im Vergleich zu Handel, öffentlicher Dienst, Industrie und Dienstleistung die
höchste. Immer wieder wird von Handwerksbetrieben und den dortigen Auszubildenden
das Thema "Konflikte" als eine zentrale Ursache für Abbrüche angegeben. Spezifische
Kenntnisse zu Besonderheiten der Ausbildung gerade von Jugendlichen mit schlechten
Startchancen sind vermutlich in den meisten Betrieben nicht vorhanden. Folgender Blick
auf die konkrete, so genannte Ausbildung der Ausbilder macht die damit verbundene
Problematik fehlender berufs- und arbeitspädagogischer Kenntnisse und Fähigkeiten
deutlich:

Handwerksmeister werden in einem ca. 120-stündigen Vorbereitungskurs auf ihre
Aufgabe als Ausbilder vorbereitet. Trotz der hierzu durchgeführten Reformen in den
letzten Jahren, die mit dem Stichwort "Handlungsorientierung" verbunden sind, sind
in den einschlägigen Unterrichtsmaterialien kaum ausführliche Hinweise zur Ausbildung
der hier interessierenden Gruppe von Jugendlichen zu finden.

Thesen des Projektes
Es wird hier die These vertreten, dass die Berufs- und Arbeitspädagogik sich am
gewünschten Normalfall eines beim Beginn der Ausbildung umfassend leistungswilligen
und –fähigen Jugendlichen mit mittleren bis guten Bildungsvoraussetzungen orientiert.
Auch in Teil III der Meisterausbildung (betriebswirtschaftliche, kaufmännische und
rechtliche Grundlagen) kommen Inhalte zur Sprache, die potenziell für eine besondere
pädagogische Professionalisierung im Sinne dieses Projekts geeignet erscheinen.
Die Themen heißen hier "Personalwesen und Mitarbeiterführung" sowie in gewisser
Hinsicht auch das Thema "Arbeitsrecht". Allerdings kann auch hier kaum auf die
Gruppe der so genannten benachteiligten Jugendlichen eingegangen werden, da
beide Themenblöcke nur mit etwa 10 Stunden laut Rahmenplan veranschlagt werden.

Insgesamt kann behauptet werden, dass es sehr davon abhängen dürfte, welche
Bedeutung der jeweilige Dozent dem Thema "Ausbildung von Jugendlichen mit
schlechten Startchancen" zumisst und – mit Blick auf die nachfolgenden Prüfungen
zu den Teilen III und IV der Meisterprüfung – welche Freiheitsgrade er tatsächlich in
Anspruch nehmen kann und will.

Zwischenfazit:
Als pointiertes Zwischenfazit können folgende zwei Aspekte angeführt werden:

  • Wenn Handwerksbetriebe Jugendliche mit schlechten Startchancen
    "gezwungenermaßen" ausbilden, sind sie kaum auf die damit verbundenen
    pädagogischen Aufgaben vorbereitet worden.
  • Wenn die pädagogische Professionalisierung (zumeist: Teil IV / Ausbildung
    der Ausbilder- Kurse in der Meistervorbereitung) stattfindet, haben Führungskräfte
    in der Regel keine Erfahrung mit den Jugendlichen; wenn die Betriebe aber
    Erfahrungen mit Jugendlichen mit schlechten Startchancen machen, findet keinerlei
    pädagogische Professionalisierung mehr statt.

Ansatzpunkt des Projektes
Dieser Gegensatz führt zum generellen Ansatzpunkt im Projekt:
"Verbesserung der pädagogischen Professionalisierung von Führungskräften in
KMU- Betrieben mit hohem Anteil von Jugendlichen mit schlechten Startchancen"

Netzwerkaufgaben
Um die angesprochenen Verbesserungen zu erzielen, wird von Projektseite ein
umfangreiches Netzwerk von Experten (s. o.) aufgebaut. Dieses Netzwerk hat
die Aufgaben ...

  • ... einschlägige Informationen für Betriebe bereitzustellen.
  • ... pädagogische Qualifikationsanforderungen von Führungskräften zu ermitteln.
  • ... didaktische und methodische Hilfen (Materialien, Konzepte, Leitfäden,
    Themenschwerpunkte, etc.) für Teil IV-Kurse und für ein modular aufgebautes
    Konzept zur spezifischen Führungskräfteschulung (mit) zu entwickeln und
    vorliegende Hilfen (mit) zu bewerten.
  • ... einschlägige Informationen für Betriebe bereitzustellen.
  • ... pädagogische Qualifikationsanforderungen von Führungskräften zu ermitteln.
  • ... didaktische und methodische Hilfen (Materialien, Konzepte, Leitfäden,
    Themenschwerpunkte, etc.) für Teil IV-Kurse und für ein modular aufgebautes
    Konzept zur spezifischen Führungskräfteschulung (mit) zu entwickeln und
    vorliegende Hilfen (mit) zu bewerten.